Letzte Worte eines Wortzauberers

John Updike, der Wortzauberer, starb im Jahr 2009. Nach seinem Tod erschien sein letzter Erzählungsband „Die Tränen meines Vaters“. Tränen fließen schon im ersten Satz der Titelerzählung, aber Kitsch wird man in dieser Geschichte nicht antreffen. Einer von Updikes letzten Sätzen lautet: „Für die Welt ist gesorgt, ich kann loslassen, sie braucht mich nicht.“ Dieser Satz steht am Ende seiner letzten Erzählung, mit ihr lässt er los. Updike war ein Meister der kleinen Form, 200 Erzählungen hat er geschaffen, neben vielen dickleibigen Romanen.

Für den Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki gehörte Updike zu den größten Meistern der Erzählung.

Fast noch suggestiver als die Geschichten aus „Die Tränen meines Vaters“ sind die Erzählungen aus dem Band, der davor erschienen ist: „Wie war´s wirklich“, die Updike auf der Höhe seiner Kunst zeigen. „Der Zauber steckt immer im Detail“, bemerkte Fontane einmal, und eigenartige und einzigartige Details finden sich hier in großer Fülle. Updikes Sprache ist von schillernder Farbigkeit. Sie kann süchtig machen. Aber zugleich leistet sie mehr: Ein Gegenwarts-Autor wie Updike nimmt es mit der Gegenwart auf. Er spiegelt amerikanische Befindlichkeiten wider, ist ein Chronist amerikanischer Zeitgeschichte. Seine Sprache ist so genau wie seine Wahrnehmung. Durch seinen poetischen Stil fängt er nicht nur Gegenwart ein, er verleiht ihr auch Glanz. Updike, man merkt es, ist auch Lyriker, ein Meister der Verdichtung. Selten hat man so farbige und konzentrierte Kurzgeschichten gelesen. Updike gelingt es, das Flüchtige einzufangen. Glanzstücke des Bandes sind „Sein Oeuvre“ und „Banjospielen in Zeiten des kalten Krieges“: Ein Banjospieler wirbt bei einer Konzertreise durch die Sowjetunion für die westliche Lebensform. Noch virtuoser die Erzählung „Sein Oeuvre“: Bei einer Lesung entdeckt der alternde Autor Henry Bech im Publikum eine ehemalige Geliebte. Während er liest, erinnert sich an die Liebesgeschichte, die sich im Zug zwischen New York und Los Angeles abspielte. “Damals dachte Bech, er könne in der langen Zukunft, die vor ihm lag, ganz Amerika als ein Mosaik darstellen.“ Updike hat das immer wieder versucht.

„Wie war´s wirklich?“ Den meisten Figuren ist eines gemeinsam: Sie versuchen sich zu erinnern, vor allem an das Glück, das sie erlebt haben. Updikes Erzählungen sind das pure Glück. Der junge deutsche Schriftsteller Daniel Kehlmann schrieb im „Tagesspiegel“: „Er hat ein Können, eine Gelassenheit und Ironie erreicht, wie sie Schriftstellern selten vergönnt ist.“

Diese beiden Erzählbände sind der ideale Einstieg in Updikes weitläufiges Universum.

John Updike: Wie war´s wirklich. 12 Erzählungen. Rowohlt Taschenbuch 2005.

John Updike: Die Tränen meines Vaters. Rowohlt Taschenbuch, 2012.

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