Kaum ein deutschsprachiger Schriftsteller hat so viel erlebt wie Ralf Rothmann. Es gibt sicher nicht viele Schriftsteller, die als Maurer begonnen haben. Er kennt die Welt und die Sprache der einfachen Leute. Als Maurer arbeitete er einige Jahre auf dem Bau.
Geboren wurde Ralf Rothmann 1953 in Schleswig, wuchs aber in Oberhausen im Ruhrgebiet auf. Seine frühen Bücher setzen sich mit dieser Region auseinander. Er besuchte die Volksschule und die Handelsschule und entschied sich dann für eine Lehre als Maurer. Wikipedia: „Später arbeitete er als Fahrer, Koch, Drucker oder als Krankenpfleger.“ Diese Erfahrungen kommen seinem Schreiben zugute. Aus der Biographie erklärt und ergibt sich die auffallend große stilistische und thematische Bandbreite seines Werks. Man blicke nur in den Band „Ein Winter unter Hirschen“ hinein. Es ist der erste Erzählband des Autors, 2001 erschienen. Vor genau zwanzig Jahren kam die Taschenbuchausgabe heraus.
In der Erzählung „Das Bullenkloster“ stürzt ein Bauarbeiter vom Gerüst und muss in Frührente. Er findet eine Arbeit als Nachtportier. Einmal vertritt ihn sein Sohn und lernt die Welt der Arbeiter kennen.
Keine Erzählung ist wie die andere, jede hat ihren eigenen Charme und eigenen Ton. Als junger Mann entdeckte Rothmann Hermann Hesse, aber er ist ein deutlich modernerer Erzähler als der Nobelpreisträger aus Calw. Pathos ist Rothmans Sache nicht. Rothmanns Kunst ist unspektakulär, aber spätestens bei der zweite Lektüre weiß man, dass man es mit einem Virtuosen des Erzählens zu tun hat. In seinen besten Momenten reicht er an die größten Meister der Kurzgeschichte heran, etwa Raymond Carver oder John Updike.
Ralf Rothmann ist nicht nur ein bedeutender, sondern auch ein menschenfreundlicher Erzähler. Ihm gelingt es, sich in Frauen hineinzudenken und aus ihrer Perspektive eine Geschichte zu erzählen („Strange Little Gir“ oder „Ein Winter unter Hirschen“). Seine Sympathie gilt den „etwas abseitigen Existenzen“ (wie es in der Berlin-Erzählung „Schicke Mütze“ heißt). In fast jeder Erzählung spielen Tiere eine wichtige Rolle.
In späteren Erzählbänden wie „Rehe am Meer“ vermochte Rothmann seine Kunst noch zu verfeinern.
Schon jetzt kann Rothmann auf ein imposantes Gesamtwerk zurückblicken.
Rothmann hat eine ganze Reihe von starken Romanen geschrieben.
Daneben veröffentlicht er aber immer wieder Bände mit Erzählungen. Auffällig ist schon im „Winter unter Hirschen“ die enorme stilistische Bandbreite, von der Umgangssprache bis zur kultivierten Prosa. Salopp beginnt das „Hirsch“-Buch: „Sommer oder Spätsommer, alles blühte, und wir schwitzten. Ich erinnere mich an Irenes Geruch. An so etwas erinnere ich mich. Es war ungefähr zu der Zeit, als jeder Idiot Tennis spielte.“
Er lässt Figuren so sprechen, dass man sie vor sich sieht. Für jede Geschichte findet er einen eigenen Ton. „Auf dem Nachbargrundstück blühten Rosen in allen möglichen Farben, und wahrscheinlich hatte Frau Conzen sie schon in aller Frühe gesprengt. Hier und da funkelten noch Wassertropfen in der Sonne, die so stark durch die Blätter schien, dass die leicht gekalkte Erde darunter voll gelber und roter Flecken war.“ Dieser Ausschnitt zeigt es schon: Rothmann ist ein sehr genauer Beobachter.
Am Ende einer Erzählung („Erleuchtung durch Fußball“) beschreibt er die Flugbahn eines Balles bei einem Fußballspiel, und diese Beschreibung erstreckt sich über zwei Seiten: das Erzählen dauert länger als die Bewegung des Balles in Wirklichkeit, Rothmann dehnt die Zeit.
Eine Perle ist die Erzählung „Schicke Mütze“, die so beginnt: „Berlin ist ein Dorf.“ Die kultivierte Hochsprache des Ich-Erzählers trifft auf den Slang eines kauzigen Halbwüchsigen. „Das Gequatsche des Jungen wollte mir im nachhinein fast poetisch erscheinen.“ Das trifft auch auf Rothmann zu: der Alltagssprache gewinnt er Schönheiten ab.
Rothmann ist unbedingt ein Kandidat für den Büchnerpreis. Viele renommierte Auszeichnungen hat er für sein facettenreiches Werk bereits erhalten, diese fehlt noch. Verdient hätte er ihn auf jeden Fall.
Am heutigen Mittwoch wird Ralf Rothmann 70 Jahre alt. Pünktlich zum Geburtstag erhält er den Thomas-Mann-Preis.
Ralf Rothmann: Ein Winter unter Hirschen. Suhrkamp Verlag, 2003
