„Besser als Fontane!“, jubelte der angesehene Literaturkritiker Michael Maar. Naja, denkt man, das ist stark übertrieben. Fontane ist doch nicht zu übertreffen.
Aber dann beginnt man mit der Lektüre und ist nach wenigen Seiten gefangen. Man möchte nur noch lesen und alle Termine absagen, es gibt nur noch Keyserlings Welt. Man kann in sie eintauchen, nicht nur, wenn das Meer die Hauptrolle spielt.
Keyserlings Welt ist auf ihre Weise sinnlich und konkret wie der Kosmos von Gabriel García Márquez, diesem magischen Realisten. Man muss an ihn denken, wenn eine Pomade erwähnt wird, die nach Orangenblüten riecht. Es sind solche Details, die die Meisterschaft Keyserlings zeigen. Keyserling ist Impressionist. Überall schimmert, flimmert, gleißt etwas, die Konturen verschwimmen, die Sätze freilich nie.
Gleich vier späte Romane des baltischen Aristokraten Eduard von Keyserling enthält dieser dicke Manesse-Band. Als Keyserling sie verfasste, war er blind. Mit 51 Jahren verlor der 1855 geborene Keyserling das Augenlicht. Von nun an musste er seine Erzählwerke diktieren, eine erstaunliche Leistung.
Keyserling ist leichter zu lesen als Fontane, weil er knapper und weniger weitschweifig ist:
Besonders verführerisch schillern die Farben in seinem Roman „Wellen“, erschienen 1911.
Eine schöne Frau verlässt ihren deutlich älteren Mann, um sich einem jungen Maler anzuschließen. Deshalb wird sie von der aristokratischen Gesellschaft gemieden. Dieser Roman steht am Anfang des dicken Sammelbandes. Sie allen enthalten unvergessliche Szenen. Keyserling hatte eine Schwäche für starke Frauen, er rückte sie in den Mittelpunkt dieser Romane. Eines verbindet sie: sie sehnen sich nach dem wahren Leben. Hauptfigur in „Wellen“ ist freilich das Meer. In hundert Schattierungen beschreibt Keyserling seine Wogen; der Kitsch wird nicht immer gemieden: Da gibt es etwa eine Kussszene am Meer, beschienen von Mondlicht. Bei Fontane findet man solche Szenen nicht. Bei Keyserling wird viel geweint, das ist nicht immer kitschig, aber gelegentlich schon.
Am und auf dem Meer begegnen sich robuste, kräftige und gesunde Fischer und kränkliche, überfeinerte Figuren, man kennt diese Antithesen von Thomas Mann.
Im Anhang ist der Nachruf von Thomas Mann abgedruckt. Dort heißt es: „Man wird den Namen Fontanes immer nennen, wenn von Keyserling die Rede ist. Es gibt Stellen bei Keyserling, Dialogstellen zumal, die wörtlich so bei Fontane stehen könnten.“
Der Aristokrat war nicht nur ein großer Psychologe, sonder auch ein Magier der Stimmungen, Sinnlichkeit und Reflexion verbinden sich bei ihm.
Er ist ein moderner Dichter, der um das Thema Identität kreist: „Dann können wir uns ein Leben erfinden, das ganz unser Leben ist. Es ist ja dumm, immer das Leben zu leben, das die anderen sich für uns ausdenken.“ Das ist fast ein Satz von Max Frisch und könnte im Roman „Stiller“ stehen. Vor allem Keyserlings Frauenfiguren wollen ihr Leben leben. Aber das ist ihnen meistens verwehrt.
Viele Figuren warten auf das Leben. „Und dieses Warten macht uns alle zum Narren, man wartet und wartet, man tut dies und das, um sich die Zeit zu vertreiben, aber das Große, die Hauptsache, die soll noch kommen. Und die Zeit vergeht, und nichts kommt, und wir sind die Narren.“ Das sind eindringliche Sätze, die darüber hinaus auch noch sehr musikalisch sind.
Wer mit dem Roman „Wellen“ begonnen hat, wird auch die darauf folgenden Romane lesen. Überall stößt man auf die stille Schönheit der Sprache . „Die Nacht war dunkel, es schneite ganz ruhig, die Schneeflocken waren nicht sichtbar in der Finsternis, aber Egloff fühlte dieses stille Fallen um sich her.“
Man kann nach der Keyserling-Lektüre zu anderen Büchern übergehen, aber die Bilder des baltischen Impressionisten bleiben im Kopf, sie bleiben präsent, was auch immer man liest.
Fontane war vielleicht der größere Meister. Aber eigentlich ist das nicht so wichtig. Entscheidend ist, um mit einer Formel zu enden: Keyserling beschert Glücksmomente.
Eduard von Keyserling: Feiertagskinder. Späte Romane. Herausgegeben und kommentiert von Horst Lauinger. Nachwort von Daniela Strigl. Enthält die Romane: Wellen. Abendliche Häuser. Fürstinnen. Feiertagskinder. Manesse Verlag, 2019
