Ein einzigartiger Sprachkünstler – Die Erinnerungen des Günter Grass

Am Anfang der 13. Klasse las uns der Deutschlehrer das erste Kapitel der „Blechtrommel“ vor.

Die Großmutter Anna Bronski sitzt in ihren Röcken am Rand eines weiten Feldes, vor einem schwelenden Kartoffelkrautfeuer. Die Schwere der Worte. Es war ein Schock. Ich wusste nicht, das es einen lebenden deutschsprachigen Autoren von dieser Wortgewalt, dieser urwüchsigen Virtuosität im Umgang mit den Wörtern gab. Ich dachte, nach Thomas Mann, 1955 in Zürich gestorben, komme in der deutschen Literatur nichts mehr.

Ich lieh mir den Roman bei einem Klassenkameraden, der heute eine Ortsbücherei leitet, und las ihn in wenigen Tagen. Es war eines der ersten großen Leseabenteuer.

Es folgten die wunderbare Erzählung „Katz und Maus“ und dann die „Hundejahre“. Diese Bücher machten Grass zum Klassiker

Ein ganz guter Einstieg in Grass` umfangreiches Werk ist seine Autobiographie „Beim Häuten der Zwiebel“. Die Erinnerungen beginnen mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, damit geht Grassens Kindheit zu Ende. Verbracht hat er sie in Danzig. Der Erzähler Grass ist stark, wenn er sich auf Danzig als Schauplatz verlassen kann, er hat das in vielen Romanen getan. Danzig ist seine Welt, sein Universum. Nirgendwo kennt er sich aus wie hier. Der junge Grass nimmt diese Stadt mit allen Sinnen wahr: registriert Geschmäcker, Gerüche, Geräusche, Farben, Häuser, Menschen. In der Begegnung mit der sinnlichen Wirklichkeit dieser Stadt wird er zum Künstler. So enthalten diese Erinnerungen viel über den frühen Grass, man erfährt einiges über die Anfänge eines bedeutenden Erzählers. Der junge Grass ist ein mäßig erfolgreicher Schüler, aber ein unersättlicher Leser. Er hält sich die Ohren zu bei der Lektüre, weil es laut ist in der kleinen Wohnung über dem Kolonialwarenladen im Labesweg von Danzig-Langfuhr. Hier spielt die „Blechtrommel“, ein „einzigartiger Roman der Weltliteratur“, so der renommierte Literaturwissenschaftler Hans Mayer. Grass erzählt von Begegnungen mit Joseph Ratzinger und Louis Armstrong, wobei letztere wohl mehr Dichtung als Wahrheit ist.

Grass Memoiren sorgten für Schlagzeilen, weil er darin schildert, wie er sich als 17jähriger zur Waffen SS meldete. Viele Grass-Bewunderer waren enttäuscht, viele Kommentatoren fragten sich, warum er mit diesem Eingeständnis so lange gewartet hatte. Er habe sein Ansehen als Mahner und Kritiker des Zeitgeschehens beschädigt.

Eine Fülle von Details sind dem Erzähler noch im Gedächtnis. Beim Erinnern merkt Grass aber auch, dass vieles nicht mehr präsent ist. Die verlorene Zeit ist oft nicht mehr zu finden.

Grass hat auch schwache Romane geschrieben, etwa „Örtlich betäubt“ oder „Unkenrufe“, andere sind, um es vorsichtig zu formulieren, umstritten: „Die Rättin“ oder „Ein weites Feld“. Mit jedem Buch wollte Grass etwas ganz Eigenes schaffen. Für den Grass-Bewunderer John Irving war der Nobelpreisträger aus Danzig der originellste und vielseitigste lebende Schriftsteller.

In seinen Erinnerungen läuft Grass noch einmal zu großer Form auf. Grass erweist sich noch einmal als einzigartiger Sprachkünstler, als Erzähler von großer Kraft und unverwechselbarem Ton. Die Autobiographie endet mit dem Erscheinen der „Blechtrommel“, die Grassens internationalen Ruhm begründete und ihn zum Literaturstar machte. Am 16. Oktober wäre Grass 95 Jahre alt geworden.

Günter Grass: Beim Häuten der Zwiebel.

Neue Göttinger Ausgabe Band 17. Steidl Verlag, 2022

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