Orhan Pamuk hatte das Glück, in einer Stadt aufzuwachsen, die voller Geschichte und Geschichten steckt und Stoff für viele Romane bereithält. In seinem zauberhaften Buch mit dem schlichten Titel „Istanbul“ geht Orhan Pamuk seiner Liebe zu dieser Stadt auf den Grund und verfolgt zugleich die eigene Entwicklung. Ohne Istanbul wäre Pamuk nicht denkbar. Deshalb ist sein Groß-Essay „Istanbul“ beides zugleich: Stadtpanorama und Selbstporträt. Die Geschichte der Riesenstadt und die Geschichte Pamuks sind dicht ineinander verwoben.
Istanbul hat fast doppelt so viele Einwohner wie New York City: knapp 16 Millionen Menschen leben hier (Stand 2021), und ähnlich wie in der US-Metropole treffen hier unterschiedliche Kulturen aufeinander. Griechen, Armenier, Kurden, Juden und andere Minderheiten bevölkern diesen Kosmos.
Für Pamuk ist Istanbul das, was für Günter Grass Danzig oder James Joyce Dublin war, ein Mikrokosmos, der die ganze Welt enthält.
Pamuk will wissen: Wie sehen uns die anderen? Ihn interessiert vor allem der Blickwinkel der Westeuropäer. Er sagt von sich, dass er mit jedem Bein in einer anderen Kultur stehe. Er ist Istanbuler, der sich zugleich stark an der westeuropäischen Kultur orientiert,
vor allem an ihrer Literatur. Unter ihrem Einfluss findet er zu sich selbst.
Pamuk beginnt seine Istanbulerkundung mit Gustave Flaubert: 1850 kommt der französische Romancier nach Konstantinopel. Er ist tief beeindruckt. In hundert Jahren, prophezeit er, sei Konstantinopel die Hauptstadt der Welt. Pamuk, 102 Jahre später geboren, muss ihn korrigieren: „Als ich auf die Welt kam, war Istanbul so heruntergekommen, geschwächt und isoliert wie nie zuvor in zweitausendjährigen Geschichte.“
Istanbul ist keine strahlende Kapitale, immer wieder fängt Pamuk auch den Charme des Schäbigen ein.
Die Großfamilie bewohnt ein mehrstöckiges Haus, die Wohnzimmer ähneln Museen.
Pamuks Vater und Onkel setzen ein Projekt nach dem anderen in den Sand und verpulvern so das Erbe von Pamuks Großvater. Nicht nur Istanbul verfällt, auch diese Familie. Da passt es ins Bild, dass Orhan nicht Architekt, sondern Maler werden will.
Der kleine Orhan ist, wie könnte es anders sein, ein Junge mit sehr viel Phantasie. Der Istanbuler Alltag langweilt ihn oft, er verliert sich in imaginierte Welten. Aber er ist auch ein genauer Beobachter: Der Vater „träufelte sich Zitronensaft in die Handfläche, den er sich dann ins Haar schmierte wie Brillantine“. Bei Pamuk verbindet sich die Liebe zum Detail mit purer Lebensfreude. Immer wieder schreibt er über das Glück. „Die Freude an Fahrten auf dem Bosporus rührt daher, das man inmitten einer geschichtsträchtigen verwahrlosten Großstadt, in sich die unbändige Energie eines Meeres fühlt.“
Sein Onkel, ein gescheiterter Dichter, verlegt Kinderbücher, die Orhan faszinieren. Hunderte solcher Bücher bekommt er geschenkt, die er dann auswendig lernt (darunter die Märchen aus „Tausendundeiner Nacht“).
Der 15jährige malt wie besessen, immer wieder Istanbul-Motive. Es ist „die Flucht vor dem eigenen Ich, die mich zum Malen antrieb“. Für den Teenager ist es eine Schule des Sehens. Der reife Pamuk ist überzeugt: Man findet seinen eigenen Stil, indem man imitiert.
Der „Memoirenband“ (so bezeichnet Pamuk sein Istanbulbuch) mündet in eine Liebesgeschichte, die allerdings kein Happy End findet. Der Vater der Geliebten kann sich mit dem Gedanken an einen malenden Schwiegersohn nicht anfreunden und zwingt die Tochter, auf eine Schule in der Schweiz zu wechseln
Der junge Pamuk führt ein einsames Leben, er hat nur wenige Kontakte. „Bei jedem dieser Freunde entwickelte ich eine andere Facette meiner Persönlichkeit.“ Das klingt fast narzisstisch.
Statt seinem Architekturstudium nachzugehen, erkundet Pamuk die Randbezirke der Stadt. „Die Stadt hat kein anderes Zentrum als uns selbst.“, heißt es gegen Ende, ein Schlüsselsatz. Pamuk gelingt ein vielschichtiges, perspektivenreiches Porträt seiner Stadt, der er so viel verdankt und in der er heute noch lebt.
Man kann das ausschweifende 620-Seitenbuch in drei Wörter zusammenfassen: Orhan wird Schriftsteller.

Orhan Pamuk: Istanbul. Erinnerungen und Bilder aus einer Stadt. Hanser Verlag, 2018