Safranskis Schiller: ein hochgespannter Geist

Wenn Rüdiger Safranski über Schiller schreibt, tut er es als Philosoph und Erzähler. Das ist bemerkenswert: In Deutschland gibt es wenige Philosophen, die erzählen können und überhaupt keine, die so erzählen können.

Schiller macht das Philosophieren Mühe, Safranski nicht. Er entfaltet lebendig Gedanken, und er entfaltet ein gedankenreiches Leben, Schillers Leben. Dabei beginnt er nicht, wie in Biographien so üblich, mit dem Leben der Urgroßeltern, sondern mit dem Tod des Dichters. Der Mediziner, der die Obduktion vornimmt, wundert sich angesichts der zerrütteten Physis über Schillers Zählebigkeit. Es gibt eine Erklärung. Sein Enthusiasmus hielt ihn am Leben. „Es ist der Geist, der sich den Körper baut“, heißt es über Wallenstein. Schillers hochgespannter Geist hielt den Körper am Leben.

Der Körper war krank. Deshalb war für Schiller der Körper ein Fremdkörper. 1791 verbreitet sich das Gerücht von Schillers Tod. Zu diesem Zeitpunkt hat er noch 14 Jahre zu leben. Aber sein langes Sterben hat begonnen.

Schiller schreibt dagegen an. Eines Tages wird er der führende Theaterautor Deutschlands sein. Er betreibt Arbeit am Selbst. Auch sein Leben soll ein Kunstwerk sein. Von seinem Begeisterungston lässt er sich oft fortreißen. So gewinnt er Distanz zum kranken Körper.

Schiller besaß nicht Goethes gelassenes Weltvertrauen. Er arbeitet am Rande der Erschöpfung und hat nicht nur eine schwere Stunde. Es gibt Zeiten, da kommen auf einen guten Tag sechs schlechte Tage. Wenn er nachts vor Schmerzen nicht schlafen kann, arbeitet er. Gerne hätte er es leicht wie Goethe. „Dieser Mensch, dieser Goethe ist mir einmal im Wege, und er erinnert mich so oft, dass das Schicksal mich hart behandelt hat. Wie leicht ward sein Genie von seinem Schicksal getragen, und ich muß bis auf diese Minute noch kämpfen“, schreibt Schiller am 9. März 1789 an Körner.

Der Leser verfolgt Schillers Kampf gebannt. Die Annäherung an Goethe schildert Safranski sorgfältig und spannend. Die Freundschaft mit Goethe wird Schiller beflügeln. Dass er mit seinem „Wallenstein“ über sich hinausgewachsen ist, verdanke er dem Umgang mit Goethe.

Mit Schiller kommen wir in Weimar an. Schweine treiben sich auf der Straße herum und auf der Friedhofswiese grasen Kühe. Auch das ist Weimar. Safranski bringt es uns näher.

Wie Schiller besitzt Safranski das Talent zur prägnanten Charakterisierung. Auf jeder Seite des Schillerbuches findet sich eine brillante Formulierung, in jedem Kapitel ein Feuerwerk von Aphorismen, die Schillers Philosophie erhellen. Immer wieder gelingen ihm suggestive Verdichtungen, wie auch das Beispiel über Wieland zeigt: „Er behandelte die Literatur philosophisch und die Philosophie literarisch.“ Das gilt auch für den Schiller-Biographen selbst. Schillers Anspruch ging in eine ähnliche Richtung. Sein glänzender Stil als Historiker wurde von keinem Konkurrenten überstrahlt. Mit einer seiner historischen Schriften wollte Schiller beweisen, „dass eine Geschichte historisch treu geschrieben sein kann, ohne darum eine Geduldprobe für den Leser zu sein.“

Safranskis Schiller-Geschichte ist alles andere als eine Geduldsprobe, sondern ein kurzweiliges Lesevergnügen.

„Mit Friedrich Schiller gelangt man in das andere Schattenreich der Vergangenheit: in das unvergessliche goldene Zeitalter des deutschen Geistes. Es sind Wunderjahre, die einem helfen, den Sinn für die wirklich wichtigen, für die geistvollen Dinge des Lebens zu bewahren.“

Safranski hat ein ein liebe- und gedankenvolles Schillerbuch geschrieben, das man nicht mehr missen möchte.

Rüdiger Safranski: Schiller oder Die Erfindung des deutschen Idealismus. Fischer Taschenbuch Verlag, 2015

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