Pereira erklärt nicht alles – Tabucchis großer Roman

Der italienische Schriftsteller Antonio Tabucchi ist am 25. März vor zehn Jahren in seiner Wahlheimat Portugal, in Lissabon, gestorben. Er wurde 68 Jahre alt. Mit seinem Roman „Erklärt Pereira“ ist ihm ein hinreißendes Buch gelungen. Der Tod spielt darin eine wichtige Rolle. Er steht am Anfang und am Ende der Handlung. Aber auch Lissabon, die prachtvolle Kapitale, ist von Bedeutung. Es beginnt an einem strahlenden Sommertag in der portugiesischen Hauptstadt, im Jahr 1938. Vielleicht denkt der Autor an die Nationalhymne des Landes. Dort ist vom Glanz Portugals die Rede. Jedenfalls funkelt die Stadt im Sonnenlicht. Ist es der Beginn einer Liebesgeschichte? Nein, eher einer Liebeserklärung, einer Liebeserklärung an Lissabon.

Am Anfang denkt der Leser nicht an den Tod, aber Pereira sehr wohl. Er ist ein einsamer Mensch und lebt ganz in der Vergangenheit. Seine Frau ist vor einigen Jahren gestorben. Er unterhält sich mit ihrem Foto.

Pereira ist ein unpolitischer Ästhet. Für ihn gibt es nichts Wichtigeres als Literatur. Wo auch immer Pereira seine Omelette zu sich nimmt, trinkt er eine süße Limonade dazu, was sein Arzt ihm eigentlich verboten hat. Aber Pereira liebt das Essen so sehr wie die Bücher.

Pereira ist ein einfacher, liebenswürdiger Journalist. 30 Jahre lang war er Lokalreporter. Jetzt betreut er die samstägliche Kulturbeilage der kleinen Abendzeitung Lisboa. Für die Nachrufe sucht er einen Mitarbeiter, und er findet schließlich einen jungen Dr. phil., der Kluges über den Tod geschrieben (bzw. abgeschrieben) hat. Die Begegnung mit diesem jungen Mann gibt Pereiras gleichförmigem Leben eine andere Wendung

Die Nachrufe, die der junge Mitarbeiter schreibt, sind allesamt unbrauchbar, denn sie sind politisch engagiert, für eine regimetreue Zeitung wie die Lisboa ein Unding. Also muss Pereira selbst zur Feder greifen: „Fernando Pessoa ist vor drei Jahren von uns gegangen. Wenige haben von ihm Notiz genommen, sehr wenige. Er lebte in Portugal wie ein Fremder, vielleicht weil er überall ein Fremder war.“ Gilt das auch für Pereira und seinen Erfinder?

In einem Zug begegnet der Journalist einer jungen Deutschen, die Thomas Mann liest, einen Autor, den Pereira sehr schätzt. Über den Nobelpreisträger aus Lübeck sagt sie: „Auch er ist nicht glücklich über das, was in Europa vor sich geht.“ Sie ist Jüdin und will ins Exil nach Nordamerika. Sie fordert ihn auf, etwas zu tun, sich zu wehren. Thomas Mann erscheint hier als Ideal eines politisch engagierten Künstlers.

Tabucchis Sprache ist viel einfacher als die Thomas Manns. Manchmal formuliert der Italiener etwas sorglos. Aber der Italiener ist ein so sympathischer und versierter Erzähler, dass man ihm das nicht übel nimmt „Erklärt Pereira“ ist ein sparsam erzählter Roman, in dem vieles nur angedeutet wird. Tabucchi lässt seinen Figuren ihr Geheimnis. Träume werden zum Beispiel erwähnt, aber nicht erzählt. Pereira erklärt nicht alles.

Am Ende des schmalen, aber nicht dünnen Romans setzt der eigentlich unpolitische Pereira ein Zeichen gegen Terror und Gewalt. Nur so viel: Am Ende muss der mutige Journalist Lissabon fluchtartig verlassen.

So schlimm es endet, es ist ein schön einfaches und einfach schönes Buch.

Antonio Tabucchi: Erklärt Pereira. Eine Zeugenaussage. Aus dem Italienischen von Karin Fleischanderl, Deutscher Taschenbuch Verlag 2012.

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