„Die Manns“ – eine sonderbare Familie (Tilmann Lahme)

„Was für eine sonderbare Familie sind wir“, lautet ein oft zitierter Satz von Klaus Mann. Man möchte meinen, dass zur Familie Mann alles gesagt ist. Trotzdem hat sich Tilmann Lahme, der vor einigen Jahren durch eine große Golo-Mann-Biographie hervorgetreten ist, an ein Porträt dieser Familie gewagt. Aus gutem Grund. Er hat neue Quellen erschlossen, die zwar keine bahnbrechend neue Erkenntnisse zu Tage fördern, aber mit vielen neuen Details aufwarten. Seine Leistung: Er bündelt das verfügbare Wissen über diese ungewöhnliche Familie. Ein englischer Journalist prägte die Formel von der „amazing family“, der „erstaunlichen Familie“, eine Formulierung, die gerne von den Mitgliedern aufgegriffen wurde. Der einflussreiche Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki stellte fest: „Ich glaube, dass es in Deutschland in diesem Jahrhundert keine bedeutendere, originellere und interessantere Familie gegeben hat als die Manns.“ Die Familiengeschichte ist zugleich Zeitgeschichte. Lahme beginnt mit der Ausbürgerung der Familie Ende 1936. Die Zeitungen schreiben „Unwürdig, Deutsche zu sein“. Nach langem Zögern hat sich Thomas Mann für die Emigration entschieden. Als Thomas Mann 1938 in New York anlangt, spricht er die berühmt gewordenen Worte: „Wo ich bin, ist Deutschland!“ Eine Kampfansage an den „Führer“. Thomas Mann sah sich immer als Repräsentant. Er wird zur repräsentativen Gegenfigur zu Hitler. Schließlich wird er Amerikaner, obwohl er der deutsche Sprache die Treue hält und nie Stoffe aus der Neuen Welt behandelt. Im Madison Square Garden fordert er: „Hitler must fall!“ 20 000 Zuhörer jubeln ihm zu.

„Er siegt, wo er hinkommt“, notiert Klaus Mann im Tagebuch. „Werde ich je aus seinem Schatten treten?“ Diese Frage stellen sich wohl alle Kinder. Lahme konzentriert sich in seinem Familienporträt auf Katia und Thomas Mann und auf die sechs Kinder. Am Rand geht er auch auf das Schicksal Heinrich Manns ein.

Der „Zauberer,“ wie er von den Kindern liebevoll-ehrfürchtig genannt wird, hat Zu- und Abneigungen, die er nicht verbirgt. Am nächsten sind ihm die älteste Tochter Erika und die kleine Elisabeth. Auffallend lieblos äußert er sich über Monika. Besonders Klaus Mann leidet unter der Kühle und dem Desinteresse des Vaters.

Auch Katia Mann, die sich um die Dinge des Alltags kümmert, damit ihr Mann sich ganz auf sein Schaffen konzentrieren kann, bekommt seine Ich-Bezogenheit zu spüren. Sie moniert einmal, dass er ihre Briefe nicht genau genug lese. Einmal vergisst er sogar ihren Geburtstag. Das sind bemerkenswerte Details, die aber kein neues Bild von TM zeichnen: Man weiß, dass er ganz in seiner (Kunst)-Welt lebte.

Golo Mann ist das einzige der sechs Kinder, das eine bürgerliche Laufbahn anstrebt, er will Lehrer werden.

Als junger Mann ist er Sozialist. Er mischt sich unter Bergarbeiter, um deren Alltag kennen zu lernen. Die Distanz zwischen ihm und den Arbeitern ist freilich nicht zu überbrücken.

Die Geschwister hegen Künstlerträume. Sie halten sich für bedeutende Schriftsteller (Erika, Klaus und Monika) oder begabte Musiker (Michael und Elisabeth) und können alle nicht von ihrer Tätigkeit leben. Sie sind auf die Unterstützung der Eltern angewiesen.

Der junge Klaus Mann ist ein Narziss, der sich vor allem für sich selbst interessiert. Mit 26 Jahren schreibt er seine erste Autobiographie! Mit der Heraufkunft des Nationalsozialismus wird er politisch und engagiert sich gegen Hitler. Nach dem großen Wahlerfolg der Nazis im September 1930 schreibt Klaus Mann, er habe „Angst vor der Hitler-Diktatur“. Der jüngere Bruder Golo studiert in Heidelberg, Karl Jaspers, den er sehr bewundert, wird sein Doktorvater. Aber: „Die Septemberwahlen lassen Golo Mann von den Büchern hochschrecken.“ Er wird Sozialist und schreibt Artikel über den Nationalsozialismus, der doch „geistig von so kläglicher Impotenz“ sei. Unter dem Eindruck der ersten Exiljahre löst sich Golo von seinen sozialistischen und pazifistischen Idealen.

Wie war Hitler möglich? Thomas Mann ist gespalten: Mal ist der „Führer“ ein typisch deutsches Phänomen, auf das die Entwicklung seit Luther zulief. Dann wieder erscheint ihm der Nationalsozialismus als undeutsch, fremd. Mit den Jahren wird der hellsichtige Golo Mann für den Vater zu einem wichtigen Ratgeber. Mehr als alle anderen Familienmitglieder verstand Golo etwas von Politik und (Zeit)Geschichte.

Klaus Manns Drama: Er verliert das einzige, was er besitzt: seine Sprache. „Warum kann ich nicht mehr schreiben?“ Es ist wahrscheinlich eine Wirkung der Drogen, die er und Erika in hohen Dosen konsumieren. Er sieht für sich als Schriftsteller in den USA keine Perspektiven mehr. Obwohl er überzeugter Pazifist ist, meldet er sich als Freiwilliger zur US-Armee. Er will mithelfen, den Krieg in Europa zu beenden. Golo Mann und Erika Mann tun es ihm gleich: Erika als Kriegsreporterin. Beim Abschied von seinem Vater passiert etwas Unerhörtes, etwas, das noch nie geschehen ist: Der Vater nimmt seinen ältesten Sohn in den Arm.

Auch nach seinem Tod bleibt Thomas Mann ein Zentralgestirn. Erika Mann hat sich dem Gedenken an den Vater verschrieben. Sie erinnert sich an sein „letztes Jahr“ und veröffentlicht drei umfangreiche Bände seiner Briefe. Allerdings präsentiert sie ein geschöntes Bild.

Michael Mann musiziert zuerst im San Francisco Symphony Orchestra (als Bratscher), wird später Literaturprofessor. Golo Mann wird ein sehr erfolgreicher Historiker und politischer Publizist. Er ist der Erzähler unter den Geschichtsschreibern. Deshalb wird ihm 1968 der Büchnerpreis verliehen, keinem anderen Historiker widerfuhr diese Ehre. Seine monumentale Wallenstein-Biographie verkauft sich im ersten Jahr 100 000 Mal. Elisabeth entdeckt den Schutz der Meere für sich. Ihr Buch „The Drama of the Oceans“ („Das Drama der Meere“) wird ein Bestseller und in dreizehn Sprachen übersetzt. Viel weniger Erfolg als Autorin hat Monika Mann. Man interessiert sich höchsten für ihre Texte zum Vater bzw. zur Familie. Katia Mann wird 96 Jahre alt und stirbt 1980. Dieses große Familienporträt ist sehr lesbar geschrieben: elegant und mit deutlicher Ironie. Es wird sichtbar: Keiner der Beteiligten hatte es leicht.

Tilmann Lahme: Die Manns. Geschichte einer Familie. Fischer Taschenbuch Verlag, 2017

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