Der Erzähler Eduard von Keyserling (1855-1918) wurde oft mit Fontane verglichen. Man nannte ihn den „baltischen Fontane“. Das ist ein hohes Lob, denn der „Wanderer durch die Mark Brandenburg“ war einer der größten Erzähler des 19. Jahrhunderts. Der Impressionist Keyserling ist aber ein eigenständiger Schriftsteller.
Seine Sprache ist lyrischer und impulsiver als die Fontanes. Keyserling kann ironisch sein und – pathetisch. Fontane zeichnet sich durch noble Zurückhaltung aus, obwohl er im Gegensatz zu seinem baltischen Kollegen kein Aristokrat ist. Wer die ganze Bandbreite eines ungewöhnlichen Erzählers kennen lernen will, sollte zu diesem dicken Band mit Keyserling-Geschichten greifen, die jetzt zum ersten Mal gesammelt vorliegen. Sie stammen aus den Jahren 1882-1918.
Die ersten Geschichten sind noch etwas unbeholfen. Aber Keyserling gewinnt schnell erzählerische Meisterschaft. Immer öfter gelingt es ihm, sich von aller Klischeehaftigkeit zu lösen. In den frühen Erzählungen sind die Dialoge überladen, sie werden dann aber schlanker und natürlicher, die Figuren drücken sich umstandslos in ihnen aus. Die Dialoge sind die Stärke der Erzählungen.
Ein Schüler reist mit dem Vater auf ein Gut, wo er lernen soll, weil er durchs Abitur gefallen ist. Er weiß nicht, durch welche „Intrige der Lehrer“. „Schwüle Tage“ ist diese Erzählung überschrieben. Eine Frau hat „mandelförmige Samtaugen“, ein schönes Detail. Es geht um die Beziehung zwischen Vater und Sohn. „Nach jenem mir unverständlichen Gespräch mit Ellita war mein Vater mir zwar nicht sympathischer, aber interessanter geworden.“ Das ist immerhin schon etwas. Hesse-Schwermut findet sich: „Seltsam ist es, wie ein Mensch von dem anderen nichts weiß.“ Keyserling dagegen weiß sehr viel von den Menschen, von seinen Menschen.
Die Protagonisten bewohnen Schlösser oder Landhäuser und flanieren durch Parks und Alleen, vorzugsweise bei Mondlicht. Die alten Bäume rauschen, schwül duften die Rosen. Da ist der Kitsch dann nicht fern: „Der Frühling duftete hier schwüler. Felix Lippen wurden heiß, in seinem Blute fieberte wieder das köstliche Gefühl… “ Oder: „Die bleiche Dämmerung der Frühlingsnacht sank auf die dunklen Wipfeln nieder.“ Solche Naturbeschreibungen tendieren zum Kitsch. „Schwül“ ist eines der häufigsten Adjektive… Trotzdem: Die meisten Erzählungen liest man gebannt und manchmal sogar mit einem Schmunzeln. Keyserlings Sprache besitzt viele Schattierungen, der Kitsch ist nur eine.Der Aristokrat ist ein eleganter Stilist und ein Meister der Psychologie. Außerdem verfügt er über einigen Witz. Unter der schönen Oberfläche seiner Sprache lauert oft der Schrecken. Mitten im Ersten Weltkrieg setzt sich Keyserling mit dem Ersten Weltkrieg auseinander: Zwei Erzählungen spielen direkt an der Westfront.
In einer anderen verliebt sich eine verheiratete Frau in einen Pianisten. Er sagt über den Krieg: „Ich weiß, der blutige Wahnsinn ist wieder über die Menschen gekommen. Wie sinnlos ist all das und wie hässlich!“ Die Frau, deren Mann in den Krieg gezogen ist: „Nein, es war schön. Ich sah sie ausziehn. … Wie sie lächelten, wie sie sangen! Es war wie ein Fest.“ So wird das elende Massensterben verklärt. Am Ende von Thomas Manns „Zauberbergs“ wird vom „Weltfest des Todes“ die Rede sein.
Der Aristokrat Keyserling macht eine Welt von gestern sichtbar. Auf der Höhe seiner Kunst übertrifft er die berühmteren Kollegen Heinrich Mann und Hermann Hesse.
Trotz der angeführten Einwände liest man die Gesammelten Erzählungen mit angehaltenem Atem und großem Vergnügen. Dieser Autor ist unvergleichlich, deshalb möchte man ihn nicht mehr missen. Man freut sich auf die zweite Lektüre und auf weitere Keyserling-Bände. Die Wiederentdeckung dieses feinen Autors geht weiter. Nach und nach werden seine Werke in der „Schwabinger Ausgabe“ veröffentlicht. Man darf gespannt sein.

Eduard von Keyserling: Landpartie. Gesammelte Erzählungen. Manesse Verlag 2018.