Nach einer Lesung machte Inge Jens eine erschreckende Entdeckung: Ihr Mann und Koautor Walter Jens war auf einmal nicht mehr in der Lage, das gemeinsame Buch zu signieren. Er konnte seinen Namen nicht mehr schreiben. Es waren die ersten Anzeichen einer unheilbaren Demenz. Der berühmte Tübinger Rhetorik-Professor würde schließlich auch seine Sprache verlieren, für einen Meister der Redekunst ein vernichtender Schlag. Nach und nach löscht die Demenz die Persönlichkeit des Erkrankten aus. Von nun an ist Inge Jens allein. Davon erzählt sie am Ende ihrer „Unvollständigen Erinnerungen“.
Auch für sie war die Sprache sehr wichtig. Inge Jens hat ihr Leben lang über andere geschrieben, mit achtzig Jahren schrieb sie über sich selbst. Am Anfang ihrer Erinnerungen begründet sie, warum sie sich plötzlich mit sich selbst beschäftigt: „Nach 57 Jahren nie abreißender Gespräche bin ich allein – ohne den Menschen, mit dem sich über alles auszutauschen mir so selbstverständlich war wie essen und trinken oder atmen. Mein Mann ist seit langer Zeit schwer krank. Eine Unterhaltung mit ihm ist nicht mehr möglich.“
Sie waren Tübinger Institutionen. Gemeinsam verfassten sie das Buch „Eine deutsche Universität. 500 Jahre Tübinger Gelehrtenrepublik“ (1977). Ihre Führungen durch die kleine Stadt waren legendär.
Für das Ehepaar war Thomas Mann ein zentraler Autor. Inge Jens hat sich zunächst einen Namen gemacht als Herausgeberin der Briefe Thomas Manns an seinen Freund, den Kölner Germanisten Ernst Bertram. Diese Arbeit hat ihr in einer Lebenskrise sehr geholfen. „Die mit dem Tod der Kinder endenden Schwangerschaften hatten in mir das Gefühl hinterlassen, eine Versagerin zu sein.“ Ihre vorbildliche Arbeit an den Briefen wird hoch gelobt, so dass man sie mit einer noch größeren Aufgabe betraut: der Herausgabe und Kommentierung der Thomas-Mann-Tagebücher.
In Hamburg ist sie am 11. Februar 1927 geboren. Der Nationalsozialismus hat sie geprägt. Die Zehnjährige schreibt einen Aufsatz: „Als ich Hitler die Hand gab“. Sie fragt sich heute: Warum durchschaute ich die Normalität des Dritten Reichs nicht? Warum bemerkte ich das Verschwinden von Juden der Nachbarschaft nicht? Die Hitlerzeit endet im Inferno: Ihre knappen Schilderungen der nicht enden wollenden Luftangriffe auf Hamburg, liest man mit Beklemmung. „Ich habe erfahren, was Angst ist, panische Angst.“ Der Krieg wurde so zur entscheidenden Erfahrung ihres Lebens. In dieser Erfahrung wurzelt das spätere Engagement in der Friedensbewegung und auch die Arbeit als Autorin.
Wer das Glück hatte, ihr zu begegnen, wird sie nicht vergessen: ihre unaufgeregte, besonnene, bescheidene Art. Sie stellte ihre immense Bildung nie aus.
Inge Jens blickt in ihren Erinnerungen mit Dankbarkeit zurück: auf ihr eigenes Leben und das mit Walter Jens. Die Autorin kennt weder Eitelkeit noch Selbstmitleid, sie spricht mit nüchterner, fester Stimme und nähert sich behutsam großen Persönlichkeiten, wie z. B dem renommierten Germanisten Hans Mayer, einem bedeutenden Thomas-Mann-Kenner und Richard- Wagner-Experten.
Von vielen Menschen war Inge Jens „fasziniert“, ein Schlüsselwort in ihren Memoiren. Es zeigt ihr großes Interesse an ihren Mitmenschen, auch die Gabe des Bewunderns. Besonderes Interesse hatte sie an Katia Mann, der Ehefrau des bedeutenden Schriftstellers. „Mich interessierte ihr Lebensentwurf und die Frage, wie weit sie ihn verwirklichen konnte.“ So wagt sie ein Porträt dieser Frau, die ihr Leben ganz dem des genialen Ehemannes unterordnete. Die Biographie „Frau Thomas Mann. Das Leben der Katharina Pringsheim“ wird ein Bestseller, ihr erfolgreichstes Buch. Auch hier hat sie mit ihrem Mann zusammen gearbeitet.
Das letzte Kapitel der Erinnerungen trägt den Titel „In guten und in schlechten Tagen“ und behandelt die Krankheit ihres Mannes.
Inge Jens merkte auch an sich die Einschränkungen des Alters: Das Gehen fiel ihr immer schwerer, aber am Schreibtisch fühlte sie sich wohl. So konnten noch einige Bücher entstehen, etwa „Am Schreibtisch. Thomas Mann und seine Welt“.
Am Tag vor Heilig Abend ist Inge Jens in Tübingen im Alter von 94 Jahren gestorben.

Inge Jens: Unvollständige Erinnerungen. Rowohlt Verlag, 2009